3 Dinge, die man in Jerez unbedingt machen sollte (und 2, die man lieber lassen sollte)

Wer im Internet oder in Reiseführern auf der Suche nach Tipps ist, was man im Urlaub in Jerez de la Frontera unbedingt machen sollte, der landet schnell bei Wein, Pferden und Flamenco. Wir möchten euch heute allerdings eine etwas andere To do-Liste bieten – ohne touristische Attraktionen, aber dafür mit ein paar praktischen Tipps, damit eure Reise nach Jerez zu etwas ganz Besonderem wird. Viel Spaß!

 

3 Dinge, die man in Jerez unbedingt machen sollte

  1. Sich mit den Menschen austauschen

Die Menschen in Jerez und der Region sind sehr freundlich und hilfsbereit. Egal, ob man an einem Freitagabend fünf Minuten vor Ladenschluss noch dringend etwas braucht oder man einen Fremden auf der Straße nach dem Weg fragt – selten erhält man dabei eine schlechtgelaunte oder unfreundliche Reaktion. Seit wir hier angekommen sind, bin ich immer wieder überrascht, wie freundlich und vertrauensvoll miteinander umgegangen wird. Du hast eine dringende bürokratische Frage, hast aber keinen Termin beim Amt? – „Keine Sorge, wir schauen einmal, was sich machen lässt.“ Du kaufst Brot beim Bäcker und hast deine Geldbörse zuhause vergessen? – „Macht nichts, dann bring mir einfach morgen das Geld vorbei.“

Natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel, so wie überall – doch alles in allem bemerkt man auch als Besucher schnell, dass soziale Beziehungen für die meisten Menschen in Südspanien sehr wichtig sind. Man ist draußen auf der Straße, redet (oder singt und tanzt) miteinander, bezeichnet den Gesprächspartner schnell einmal als „mi hijo“ (mi icho, mein Kind) – auch wenn das manchmal altersmäßig gar nicht möglich ist –, und genießt den Austausch mit anderen. Und wenn es freundlich geht, warum sollte man dann anders?

Deshalb legen wir euch dringend ans Herz, bei eurem Urlaub in Jerez mit den Leuten in den Geschäften, auf dem Markt und auf der Straße zu sprechen. Ihr könnt kein Spanisch? Dann werft zumindest ein „Buenos días“ (Guten Tag) oder „Gracias“ (Dankeschön) ein – das reicht oft schon, um ein freundliches Lächeln als Antwort zu erhalten 🙂

 

  1. Auf die Details achten

Auch nach Monaten in Jerez passiert es immer wieder, dass wir bei einem Spaziergang durch die Stadt plötzlich kleine Details entdecken, die uns zuvor noch nie aufgefallen sind. Ein Stück der Stadtmauer aus der Zeit der Mauren, ein besonders aufwändig gestalteter Patio mit bunten Fliesen oder ein kleines Geschäft, in dem seit Jahrzehnten eine Familie einem Handwerk nachgeht. Das Schöne an Jerez ist, dass es voll besonderer, kleiner Dinge ist. Außerdem ist es wie ein lebendiges Geschichtsbuch: Bis heute finden sich Reliquien aus den unterschiedlichen Epochen im Stadtbild. Besonders beeindruckend finde ich allerdings die Türen der Häuser und Kirchen: Oftmals sind es richtige Kunstwerke aus Holz oder massivem Stahl, die mit echter Liebe zum Detail gestaltet wurden.

Das Eingangstor zur Kirche „de las Reparadores“.

Jerez ist eine Stadt, in der man kleine Besonderheiten finden kann, ohne danach zu suchen. Deswegen ist unser zweiter Tipp: Durch die Stadt spazieren, den Blick schweifen und sich überraschen lassen.

 

  1. Essen, essen, essen

Natürlich kann man keine To do-Liste über Jerez schreiben, ohne die unglaublich vielfältige und leckere Gastronomie zu erwähnen. Bei all den Reisen rund um die Welt ist uns kein Land untergekommen, das so viele unterschiedliche Gerichte und Zutaten hat wie Spanien. In dieser Liste werden alleine schon 100 spanische Gerichte genannt, die man unbedingt gegessen haben sollte. Leider auf Spanisch, aber die Bilder sprechen für sich.

Die Südspanier lieben das Essen – noch viel mehr: Es ist ein fester und wichtiger Bestandteil des sozialen und kulturellen Lebens. Ein Sprichwort lautet: „Donde comen dos comen tres“ – dort wo zwei essen, essen drei. Auf gut Deutsch also: Egal, wie viel man hat, man kann (sein Essen) immer mit jemandem teilen.

Und das wird in Südspanien auch geteilt! Es ist kein Klischee, sondern tatsächlich Realität, dass bei einem Treffen mit Freunden, Arbeitskollegen oder der Familie üblicherweise nicht jeder eine Hauptspeise für sich bestellt, sondern die Teller in die Mitte des Tisches gestellt werden und jeder alles kosten darf. Auch wenn es für viele Nichtspanier anfangs gewöhnungsbedürftig sein mag (ja, auch für mich war es anfangs etwas ungewohnt) – ist es eine wunderbare Art, wirklich GEMEINSAM zu essen. Essen ist hier also nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern eine soziale Interaktion –  etwas, das gemeinsam zelebriert und genossen wird.

 

Ein typisches Frühstück: Kaffee, frisch gepresster Orangensaft und ein „Mollete“ mit spanischem Serrano-Schinken.

 

Und 2 Dinge, die man lieber lassen sollte

  1. Nach mitteleuropäischer Zeit leben

Als ich vor Kurzem in der Heimat zu Besuch war und einer Dame am Schalter erzählte, dass ich hier in Spanien wohne, war ihre Antwort darauf: „Ach, das wär auch was für mich. Den ganzen Tag nichts arbeiten…“

Jaja, dieses hartnäckige Vorurteil der faulen, arbeitsunwilligen Andalusier ist nicht nur in Spanien selbst verbreitet, sondern hat es sogar über die Landesgrenzen hinaus geschafft. Dabei hat die romantische Vorstellung, dass sich hier alle am Nachmittag aufs Ohr legen und die Arbeit dann für den Rest des Tages liegen lassen, in etwa soviel Wahrheitsgehalt wie die Annahme, dass in Österreich alle in Tracht über die Alpen tanzen und dem Nachbarn am nächstgelegenen Berg einen guten Morgen zujodeln.

Ja, es stimmt: Wer in Jerez um 14:30 Uhr eine Runde durch die Stadt dreht, der wird bemerken, dass der Großteil der Läden geschlossen ist. Mittagspause bis 17:00, im Sommer sogar bis 18:00 Uhr. Das liegt jedoch nicht daran, dass die Spanier faule Zeitgenossen sind, sondern vielmehr an den klimatischen Bedingungen im Land. Zwischen 14:00 und 17:00 Uhr brennt die Sonne am stärksten und die Temperaturen klettern im Sommer regelmäßig über 40 Grad. In dieser Zeit draußen zu sein ist daher nicht nur unangenehm, sondern kann auch gefährlich sein.

Abends geht es dann wieder normal weiter. Und während in Mitteleuropa vor allem der Kleinhandel meist gegen 19:00 schließt, ist es hier gang und gäbe, dass bis 21:00, 22:00 Uhr geöffnet ist. Einer der größten Supermärkte in Spanien, Alcampo, schließt seine Türen im Sommer sogar erst um 23:00 Uhr. Ein Friseurtermin um 21:00 ist somit also normal, und wer im Anschluss daran noch den Einkauf der Woche erledigt, wird auch nicht schief angeschaut.

Spanien bräuchte, rein geografisch gesehen, zu Mitteleuropa eigenlich eine Zeitverschiebung von mindestens einer Stunde. Bis 1940 gab es sie auch – bis von der damaligen Regierung eine Angleichung der Uhrzeit an Deutschland entschlossen wurde. Das ist der Grund, warum heute die Sonne im Sommer um 08:00 auf- und um 23:00 untergeht.

Unser Tipp: Während eines Urlaubs in Südspanien den Tagesrhythmus an die lokalen Gewohnheiten anpassen. So verhindert ihr nicht nur, im Sommer in der Mittagshitze zu brüten, sondern erlebt auch den Alltag der Spanier tatsächlich mit.

  1. Die Augen vor der Realität verschließen

Wenn man jemandem die Stadt zeigt, in der man wohnt, dann möchte man automatisch all das zeigen, was schön und toll ist. In Jerez wären das die touristischen Attraktionen, Weingüter, das Alcázar, die Tabancos (Kneipen), Flamenco,… Doch lasst uns einmal ehrlich sein: Das Leben ist keine Reise nach Disneyland. Und da wir fest davon überzeugt sind, dass auch das nicht so Schöne zum Reisen und Kennenlernen anderer Länder und Menschen dazugehört, möchten wir nicht so tun, als wäre hier alles ein Paradies, in dem rund um die Uhr Flamenco getanzt und Sherry-Wein getrunken wird.

Es ist, wie es ist: Spanien wurde von der Wirtschaftskrise der letzten Jahre stark getroffen, und während sich andere Regionen schon wieder etwas erholt haben, sind die Nachwirkungen hier immer noch zu spüren. Andalusien war 2017 unter den 10 Regionen mit der höchsten Arbeitslosigkeit in der EU, Jerez liegt auf Platz 4 der Städte mit den meisten Arbeitslosen in Spanien (32 %). Die Arbeitsbedingungen sind vor allem für junge Menschen oft prekär, mit niedriger Bezahlung und Zeitarbeitsverträgen. Die Krise lässt sich auch am Stadtbild erkennen: Für die Renovierung vieler Häuser der Innenstadt fehlte bisher das Geld, und so sind wunderschöne Paläste im Zentrum nach und nach verkommen.

Aber es geht bergauf. Das Schlimmste ist offenbar überstanden, und langsam werden in der Stadt öffentliche Plätze renoviert und Spielplätze für die Kleinsten errichtet. Es ist schön zu sehen und sehr spannend, wie sich die Stadt neu erfindet und immer mehr junge Menschen, die vor einigen Jahren ins Ausland gingen, um zu arbeiten, nun zurückkehren und mit neuen Erfahrungen und Wissen der Stadt neuen Auftrieb geben. Viele junge Jerezaner beleben die kleinen, einzigartigen Bodegas wieder und stellen Sherry-Wein her, es eröffnen neue Restaurants mit Essen aus aller Welt, es bilden sich kulturelle Initiativen und viele Konzerte aus verschiedenen Genres hauchen Jerez neues Leben ein.

Wir finden es wichtig, unseren Besucher ein authentisches, vollständiges Bild von Jerez zu vermitteln und nicht nur die Lebensfreude der Andalusier, die der Krise trotzt, zu zeigen. Reden, sich austauschen und voneinander lernen – das ist schließlich das, was uns Menschen zu Menschen macht und was wir vom Reisen mitnehmen können. 🙂

Bis bald!

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